Wir bleiben kritisch!

The Evolution of Fly

PhOtOnQuAnTiQuE via Flickr, [CC-SA-2.0 ]

In den letzten Tagen haben sich hier und auf unserem Facebook-Profil heftige Debatten entwickelt, weil wir in einem Artikel Alice Schwarzers Äußerungen zum Islam kritisiert haben. Eine ganze Reihe weißer, christlich geprägter Feministinnen zeigte sich entrüstet, dass wir ihre Ikone des Feminismus angriffen. Von Neid war die Rede, davon, dass wir den Terror unterstützen und “falsche” Toleranz zeigten. Zunächst: Wir zeigen keine Toleranz. Denn Toleranz ist ein gewalttätiges Konzept, es beinhaltet, dass man dem Anderen seine Andersartigkeit “zugesteht” und beinhaltet schon die Alternative, das eben nicht zu tun, wenn man will. Damit bezieht man sich auf den Anderen als jemand, dem etwas zugestehen kann oder nicht – also in einer hierarchischen, mindestens aber paternalistischen Beziehung. Gläubige Muslimas können keine Feministinnen sein, das ist so ein Ausdruck von Intoleranz, oder auch: ich tolererie nur muslimische Frauen als Feministinnen, wenn sie sich vom Islam distanzieren. Auf diese Weise wird das Privileg deutscher, weißer Frauen gegenüber diesen Frauen deutlich: Ich bestimme, was du bist. Das ist eine Betrachtungsweise, die wir ablehnen.

Schon in den Wochen vor dem Artikel hatte ich ganz persönlich das Gefühl, mich zurück ziehen zu müssen. Wir vertreten radikale Ansichten – radikal, weil wir Dinge von der Wurzel her betrachten. Die Wurzel der Unterdrückung der Frau ist das Patriarchat. Das kritisieren wir – in all seinen Formen. Das polemisiert, ruft Widerstand hervor. Besonders in der Debatte um Prostitution wird das deutlich. RadFems, wie man uns nennt, grenzen sich hier von sogenannten sex-positiven Feministinnen ab. Auch in anderen Debatten um Pornos oder Gender zeigen sich diese Unterschiede, die wir mehrfach theoretisch beleuchtet haben und unsere Position deutlich gemacht haben. Viele dieser Positionen entsprechen denen, die sich auch im feministischen Leitmagazin Deutschlands, der EMMA finden. Andere nicht. Wir sind kein Sprachrohr der EMMA, waren es nie und haben unsere eigene feministische Arbeit auch nie in der Auseinandersetzung mit der EMMA gesehen. Die Störenfriedas, das ist unser Projekt, das wir ins Leben gerufen haben, um uns mit Feminismus auseinanderzusetzen. Es ist unser Weg, unsere ganz eigenen Erfahrungen und unsere eigene Auseinandersetzung mit Unterdrückung, Sexismus, sexueller Gewalt und Benachteiligung zu beleuchten und eine Gegenöffentlichkeit zu schaffen, in der vieles, was uns so von den Mainstream Medien um die Ohren gespült wird, kritisch betrachtet wird, um so eine feministische und kritische Perspektive zu ermöglichen und dem öffentlichen Diskurs hinzuzufügen. Gleichzeitig sind die Störenfriedas eine Plattform für Projekte, Denkansätze, Bündnisse, damit andere Frauen im Netz hier Informationen finden.

Es ist bezeichnend, dass man in Deutschland nicht Feminismus betreiben kann, ohne sich in irgendeiner Art und Weise zu Alice Schwarzer und der EMMA zu positionieren. Es zeigt, dass der feministische Diskurs sehr verengt und flach ist. Ein Austausch, eine Diskussion ist nicht möglich – und auch nicht gewünscht. Wer abweicht, ist draußen, gehört nicht länger dazu. Es kann nur eine Meinung geben und die wird mit Leidenschaft verteidigt, weil daran eben auch die gesamte persönliche feministische Identität hängt. Dieses Rechthaben, das schnell, viel zu schnell, auf eine persönliche Ebene kippt, ist es, von dem ich Abstand brauchte. Ich kenne die meisten Menschen nicht, mit denen ich aufgrund meiner Arbeit als Feministin zu tun habe. Sie sind weder Familienangehörige noch Kollegen. Mein Austausch mit ihnen besteht in inhaltlicher Auseindersetzung, die im besten Fall bereichernd ist, im schlechtesten Fall dazu anregt, Dinge noch einmal von einer anderen Seite aus zu betrachten. Dennoch wissen diese Menschen Erstaunliches über mich und meinen Charakter, meine Motivation und so weiter – obwohl das alles rein gar nichts mit den Inhalten zu tun hat, mit denen ich mich beschäftige. Ich habe lange gedacht, dass ich mein Privatleben aus dem Feminismus heraushalten muss, weil es da draußen eine verrückte Maskulistenszene gibt, die Jagd auf Feministinnen macht. Nun zeigt sich: Der größte Feind des Feminismus sind die Feministinnen selbst.

Es ist nicht leicht, Feministin zu sein. Die Anfeindungen im öffentlichen und privaten Raum sind immens, im Zweifelsfalle wird sogar das ganze Beziehungsleben auf den Kopf gestellt, weil das mit der patriarchal-bürgerlichen Beziehung oder Familie eben nicht mehr funktioniert, weil man sexistische Witze von Freunden oder Kollegen nicht mehr hinnimmt. Aus diesem Grund ist die Solidarität der Community so wichtig und es ist verständlich, dass sie so hoch geschätzt wird, dass ihr Entzug als schlimmste denkbare Strafe für Abweichlerinnen gehandelt wird. Die Solidarität trägt über diese Konflikte hinweg, bestätigt einen in der Richtigkeit des eigenen Handeln und Denkens. Das persönliche Umfeld kann diesen Rückhalt nur selten geben oder reagiert sogar mit Unverständnis.
Solidarität, das ist in einer Gesellschaft wie der unseren, in der das Recht des Stärkeren, des Reicheren gilt, aber sehr viel mehr und beginnt erst da, wo ich sie nicht nur meinen eigenen Peers gegenüber fühle, erst da wird sie unerlässlich und entwickelt ihre Kraft. Es ist kein Zufall, dass von allen Seiten versucht wird, sie zu zerstören, um uns zu vereinzeln. Divide et impera – teile und herrsche. Das ist der Grundsatz, nachdem Herrschaft unter anderem funktioniert, auch die Herrschaft des Patriarchats. Wir kennen das, wenn andere Frauen uns erklären, sie bräuchten keinen Feminismus oder fänden Macho-Gehabe sogar gut, wenn sie sich vom Feminismus distanzieren und davon ausgehen, mit ihrem Leben habe das alles nichts zu tun, wenn sie sogar andere Frauen angreifen, um ihr Überleben, sozial und real, in der Männergesellschaft zu sichern.
Es ist eben diese Solidarität, die wir nicht nur Frauen, sondern auch anderen Gruppen in unserer Gesellschaft entgegen bringen, wir als, in der Mehrzahl, weiße, studierte Frauen, mit unseren Privilegien. Wir wollen uns nicht spalten lassen von Schwestern anderen Glaubens, anderer Herkunft oder anderen Alters. Wir wollen uns aber auch nicht spalten lassen von Menschen, die aus anderen Kulturen stammen, die in unserem Land einem kaum verhohlenem Rassismus ausgesetzt sind, der nun durch die Gewalttat einiger weniger neue Rechtfertigung erfährt, ebenso wenig wie von Menschen mit einer anderen als heterosexuellen Ausrichtung. Diese Solidarität, nicht Toleranz, ist die Grundlage für Freiheit. Und Freiheit ist es nur dann, wenn sie für alle gilt und nicht nur eine dominierende Gruppe privilegierter Menschen.

Solidarität ist nicht nur eine leere Hülse, die man bekunden kann, um sich besser zu fühlen. Sie ist eines der wichtigsten Werkzeuge, um Macht anders zu verteilen, um das Miteinander gerechter, menschlicher zu machen. Eben dieser Menschlichkeit sind wir verpflichtet. Menschlichkeit deshalb, weil wir uns alle in grundlegenden Dingen einig sind: Wir wollen Sicherheit, ein Auskommen, Anerkennung und vor allem Austausch mit anderen, ganz gleich, wo wir herkommen und welche Religion wir haben. Die letzten Wochen haben unter anderem in der Diskussion um Flüchtlinge gezeigt, dass viele unter uns nicht bereit sind, diese grundlegenden Dinge anderen zuzugestehen. Da wurde viel diskutiert, warum man Pegida verstehen muss, in den Dialog treten muss. Mit Muslimen in den Dialog treten wollte keiner, stattdessen verlangte man Distanzierung von einer Gruppe Terroristen, die die Religion als Rechtfertigung für ihre Gewalt benutzen. Als Andreas Breivik seine schreckliche Tat verübte und diese mit seiner Auffassung des Christentums rechtfertigte, distanzierte sich niemand von uns. Es wurde auch die Forderung danach nicht erhoben. Islamische Terroristen töten in der größten Zahl andere Muslime.

Das andere Werkzeug, um Herrschaft zu brechen, neu zu verteilen, ist Kritik an den herrschenden Zuständen. Kritik ist etwas, das erarbeitet, gedacht, gelebt werden muss, etwas, das jede für sich selbst entwickeln muss. Es macht das Leben nicht einfacher, kritisch zu sein, aber es hilft, um all die gefühlten Widerstände zu benennen und zu analysieren. Ein Mann vergewaltigt nicht, weil er ein Mann ist, sondern weil er davon ausgeht, ein Recht auf sexuelle Verfügbarkeit zu haben und dieses Recht mit Gewalt durchsetzen zu können, ohne eine nennenswerte Strafe dafür zu erhalten. Wenn wir kritisieren, schaffen wir die Möglichkeit einer Alternative, wie auch immer die aussehen mag. Wir machen deutlich: Es muss nicht so bleiben, wie es ist. Das ist wichtig, denn das gibt Hoffnung.

Kritik und Solidarität sind unsere Schlüssel, dieser Welt zu begegnen, und zwar in jedem Kontext. So wie wir nicht bereit sind, Prostitution als einfach gegeben und unabänderlich zu betrachten, sind wir auch nicht bereit, die Spaltung zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen hinzunehmen. Wir sind alle Menschen, wir alle sind Zwängen unterworfen, die wir nicht beeinflussen können, die aber unser Leben bestimmen. Und vor diesen übermächtigen Zwängen werden die Unterschiede zwischen uns auf einmal vernichtend klein. Die aktuelle Stimmung ist voller Misstrauen, Hysterie, einseitig erklärter Solidarität, ja, Zynismus, Ignoranz und westlicher Arroganz. Davon profitiert die Staatsgewalt, die sogleich eine neue Rechtfertigung für mehr Überwachung, neue Gesetze und anderen Blödsinn hat, denn sie wird angerufen, doch endlich etwas gegen die Bedrohung durch den Islam zu tun. Man kann den Wunsch nach einem starken, nationalistischen Staat hinter diesen Forderungen lesen. Wollen wir in so einem Staat, in so einer Gesellschaft leben? Denn eins ist klar: Ein solcher Staat wird auch uns nicht mehr Freiheiten zugestehen, vor allem nicht uns Feministinnen. Je enger der Diskurs von sozial erwünschtem Verhalten wird, umso enger wird es auch für uns.
Muslime stellen eine Minderheit in Deutschland dar. Von dieser Minderheit ist eine winzige Gruppe bereit, im Namen der Religion zu töten. Diese Minderheit wird vom Rest der Muslime weder unterstützt noch totgeschwiegen. In den ersten Stunden nach dem Anschlag in Paris gab es überall Anschläge auf Muslime oder Moscheen. Brannten bei uns Kirchen, nach dem, was Breivik tat?

Aus feministischer Sicht wird behauptet, der Islam trage die Unterdrückung der Frau in seine Grundfesten geschrieben. Dabei vergessen wir gern, wie patriarchal das Christentum ist und welche Macht es noch immer über uns Frauen hat. Wir erinnern uns an den Skandal, als katholische Krankenhäuser die Pille danach an ein Vergewaltigungsopfer nicht herausgeben wollten, wir erinnern uns aber auch an den jedes Jahr im September stattfindenden “Marsch des Lebens”, in dem unser minimaler Zugang zu Abtreibungen weiter beschränkt werden soll und der von christlichen Fundamentalisten angeführt wird. Ich selbst habe jahrelang unter einem Chef gearbeitet, der regelmäßig erklärte, Frauen gehörten nach Hause, das Berufsleben “verrohe” uns Frauen und nähme uns unsere Weiblichkeit. Er war Mitglied in einer Freikirche. Bei uns bietet der katholische Kindergarten keine Plätze für unter Dreijährige an, denn der Pfarrer findet, bis dahin gehörten Kinder zur Mutter. Es zeigt sich und ist auch jedem klar, dass nicht das Christentum die Ursache dafür ist, sondern dessen patriarchale Auslegung. In der Geschichte der Menschheit hat nichts mehr Legitimationskraft als der Glaube. Dafür wurden unzählige Kriege geführt und sind Millionen gestorben. Abgelöst wurde der Glaube nur durch den Nationalismus, der sich in der Kritik am “Islam” kaum verhohlen wieder äußert. “Wir Deutschen” gegen “Die Ausländer”, das ist es, was mitschwingt, wenn AfD und Pegida vom Leder lassen. Beides ist falsch. Und beidem kann nur mit Kritik und Solidarität begegnet werden, sie allein schützen uns vor diesem kollektiven Irrsinn, der doch nur den ohnehin Mächtigen nützt. Kapitalismus und Nationalismus eint eine lange Liebesgeschichte, ebenso wie die Rechtfertigung von Gewalt durch die Religion.

Doch gerade in Bezug auf uns Frauen ist die Geschichte von Patriarchat und Religion damit nicht zu Ende erzählt. Wir behaupten gern, wir seien eine Gesellschaft, in der Religion eine Privatsache ist. Die scheinbare Abwesenheit der Religion aus unserem Alltag hat aber keineswegs automatisch in mehr Freiheit für uns Frauen geführt. Patriarchat ist eine öffentliche Angelegenheit. Von jedem Werbeplakat blicken uns halbnackte Frauen in demütigen Unterwerfungsposen an und erklären uns, wo unser Platz ist. Im Porno und der Prostitution werden Frauenkörper zu einer Ware für das Vergnügen von Männern gemacht. Wir nehmen das hin – denn wir betrachten das als Inbegriff unserer “westlichen” Freiheit.
Ich lebe in Deutschland und habe vor, das weiter zu tun. Ich kenne diese Kultur besser als jede andere und ich kritisiere die patriarchalen Aspekte dieser Gesellschaft, denn sie ist es, die ich verändern will. Dazu brauche ich die Solidarität, mindestens aber das Interesse von Mitstreiterinnen. Gerade wir Frauen sind es gewohnt, alleine da zu stehen, uns diskriminiert zu fühlen. Unsere gegenseitige Solidarität ist es, die uns Wurzeln verleiht. Die Kritik aber verleiht uns Flügel, mit denen wir die bestehenden Verhältnisse weiterdenken, anders denken können, sie mit Distanz betrachten. Mein Feind heißt Patriarchat und nicht die Muslime von neben an. Sie bedrohen meine Freiheit nicht, sondern die Tatsache, dass Vergewaltiger in diesem Land nur selten mit Verurteilung zu rechnen haben, die Zahlen von Stalking in den letzten Jahren rasant angestiegen sind, dass Männer, mit denen ich Sex habe, der Meinung sind, Gewaltpornos nachspielen zu müssen oder regelmäßig Leute hier auf der Seite der Störenfriedas landen, die nach Kinderpornographie gesucht haben und ich tagelang damit kämpfe, die mit den Suchbegriffen assoziierten Bilder wieder aus meinem Kopf zu bekommen. Meine Freiheit wird durch den Umstand bedroht, dass Mütterrechte in den vergangenen Jahren massiv eingeschränkt wurden, um Vätern mehr Rechte zu geben – ein Thema, das die EMMA übrigens trotz vieler Anfragen einfach ignoriert -, sie wird bedroht durch die Erwartungshaltung an mich, mich weiblich zu verhalten, meiner mir zugewiesenen Rolle als Frau gerecht zu werden, sie wird aber auch bedroht durch Männer, die mich “Schlampe” oder “Hure” nennen, weil sie Anspruch auf meinen Parkplatz erheben oder mich in der Bahn belästigen. Meine Freiheit wird eingeschränkt, wenn nachts nur in Begleitung eines Hundes vor die Tür gehen kann oder im Gedränge einer Supermarktkasse betatscht werde. Das alles engt mich ein. Und die allerwenigsten der Akteure der oben genannten Aktionen sind Muslime. Sie haben allerdings eins gemeinsam: Sie sind Männer. Männer, die in einer Gesellschaft leben, die das Recht einräumt, sich auf meine, auf die Kosten aller Frauen, so zu verhalten.

Die Diskussion um Alice Schwarzer und unseren Artikel zu ihren Äußerungen hat die ganze autoritäre Struktur des Feminismus offenbart, hat gezeigt, dass der Feminismus bei uns auf so wackligen Füßen steht, dass er keine Diskussion aushält, erträgt, ohne sofort eine grundlegende Gefahr zu wittern, für den Feminismus an sich. So weit reichten die Erschütterungen, dass sich sogar die altehrwürdige EMMA-Redaktion zu hektischen Drohungen hinreißen ließ und es unter den Störenfriedas ordentlich zu brodeln begann. Das Gute ist: Die Frauenbewegung ist die längste und erfolgreichste soziale Bewegung, die es je gab. Sie lebte schon immer von unterschiedlichen Ansichten, von der Spannung zwischen ihren radikalen Vertreterinnen und Reformerinnen, zwischen bürgerlichen, autonomen und linken Feministinnen. Wir müssen nicht alle einer Meinung sein, um Feministinnen zu sein. Doch im Moment ist Feminismus alles, was irgendwie für Frauen ist. Wir existieren nur in unserer Abgrenzung zum Patriarchat. Eine eigene Transzendenz zu schaffen, einen eigenen Kompass für das, was richtig und was falsch ist, der nicht nur in der Negierung männlicher Privilegien besteht, gelingt uns nicht. Das autoritäre Unterdrücken von Frauenstimmen, ganz gleich mit welchen Mitteln, ist Ausdruck eines zutiefst patriarchalen Verhaltens. Es zeigt, wie weit der Weg noch ist, den wir vor uns haben.

Ich bin Feministin und bleibe es. Das ist nichts, was man einfach ablegen kann. Aber dieser Feminismus ist ein Zeichen meiner Freiheit, nicht der Unterordnung. Ich befreie mich doch nicht erst mühsam aus patriarchaler Unterdrückung, um mich dann feministischer unterzuordnen, nur um vielleicht einen illusorischen Schutz unter den Flügeln des in Deutschland maßgeblichen Feminismus zu suchen. Mein Feminismus ist meiner, ebenso wie meine Menschlichkeit. Ich werde sie mir nicht von äußeren Umständen, noch von einem tobenden Mob nehmen lassen. Unterdrückung ist immer scheiße, auch wenn sie von Frauen betrieben wird, wenn sie es sind, die Andersdenkende abwatschen, sich mit Schaum vorm Mund ereifern. Dann haben sie eine erschreckende Ähnlichkeit mit all den männlichen Trollen, die wir so kennen.

Wer ich bin und was ich sein darf, was ich sage, denke, fühle oder kritisiere, das bestimme ich. Das ist Teil meiner hart erkämpften Freiheit als Frau – und wer wäre ich, mir eben diese von anderen Frauen wieder absprechen zu lassen, nur weil ihnen meine Ansichten nicht passen? Der absurde Charakter dieses Anliegens ist offensichtlich. Ich bin aber nicht nur Feministin, ich bin auch Mensch und mir meine Menschlichkeit zu bewahren ist Teil meiner Freiheit. Menschlichkeit ist, den Menschen zu sehen und nicht die Schubladen, in den man sie stecken will. Nur wenn ich das unbefangen tue, können wir beide frei sein: ich und die andere. Wenn unsere Arbeit nur von der Anerkennung anderer abhängig wäre, dann wäre sie sinnlos. Sie darf nicht verstummen, nur weil die patriarchale Unterdrückung an uns und unserer Arbeit gerade durch ein feministisches Magazin oder andere Frauen ausgeübt wird. Nur so können wir Feministinnen und Menschen zugleich bleiben. Mit tiefen Wurzeln der Solidarität für alle Menschen und den Flügeln der Kritik, die uns in die innere und äußere Freiheit tragen. Der Wert einer Überzeugung zeigt sich immer dann, wenn es schwierig wird, sie zu vertreten. Es macht mich stolz auf die Störenfriedas, dass wir dazu den Mut hatten und weiter haben werden. Wir bleiben kritisch – versprochen!

6 Kommentare

  1. Suedelbien

    Am 30.9.2014 schrieb ich an Mira Sigel auf Facebook:

    “Ja, die Lobby (und die liberalen Feministinnen) werfen uns (mir auch) vor, dass wir die Prostituierten kritisieren (was nicht stimmt, wir kritisieren die Prostitution als Symptom des Patriarchats als menschenverachtende Ausbeutung von meistens Frauen). Und du und Hanna werft der EMMA (und antiislamischen Feministinnen, von denen mir bisher keine bekannt ist) vor, dass sie die Musliminnen kritisiert und angreift (was im Falle der EMMA nicht stimmt, sie kritisiert den politisch motivierten und patriarchalisch vereinnahmten fundamentalistischen Islam, von den antimuslimischen Feministinnen kann ich das nicht behaupten, weil ich das nicht weiß, die außerdem gar nichts mit der EMMA zu tun haben), und zwar tut ihr das auf genau dieselbe Art und Weise, u. a. auch mit dem Vorwurf der pauschalen Vorverurteilung. Ich habe nicht die Themen miteinander verglichen. Ich sehe die Parallele im Verhalten und Umgang miteinander. Das ist der springende Punkt. Ich kann nur davor warnen, genau in das Verhalten zu verfallen, das anderen vorgeworfen wird, und die Gefahr sehe ich gerade bei euch.”

    Und genau das ist jetzt eingetreten. Schade. Wirklich schade.

  2. Nur im Islam Schleier für Frauen?
    Ähnliche Regeln für Frauen in allen fundamentalistischen Religionsausrichtungen

    In der Diskussion um „den Islam“ zeigen sich mehrere Verallgemeinerungen, die in gleicher Weise etwa nicht auf das Christen- und Judentum übertragen werden. Sowohl im Christentum als auch im Islam wie auch im Judentum gibt es extrem konservative Richtungen, man sollten die Augen nicht vor der Vielzahl von Sekten in den USA und die orthodoxen Siedler in den besetzten Gebieten in Palästinas verschließen. Konservative religiöse Auffassungen, die sich auf das alte Testament beziehen, zeichnen sich auch dadurch aus, dass sie für sich in Anspruch nehmen, die einzig legitime Interpretation des „Buches“ zu leben, und sie alle sind extrem patriarchal strukturiert. Sie alle haben viele restriktive Vorschriften für Frauen, die sich aber im Hinblick auf die Auslegung religiöser Gebote und Bekleidungsvorschriften sowie Sexualität sehr ähnlich sind. Sie alle weisen der Frau die Familie als für sie bestimmten Platz zu und Frauen sind religiöse Ämter verwehrt.

    Während die Kritik am Schleier und der Burka vehement geführt wird, gerät kaum ins Visier, dass die Bekleidungs- und Verhaltensvorschriften für Frauen fundamentalistischer Ausrichtung im Christen- und Judentum ähnlich streng sind: So sind verheirate Frauen im streng orthodoxen Judentum angehalten ihr Haar zu bedecken (häufig mit einer Perücke). Als grund wird angegeben, dass Frauen Demut, Bescheidenheit, Sittsamkeit, Keuschheit zeigen sollen, die sich auch in der Kleidung ausdrückt. Als angemessen gilt neben der Kopfbedeckung ein Rock, der mindestens die Knie, Ärmel, die mindestens die Ellenbogen verdecken. Mit diesen Vorschriften soll möglicher sexueller Erregung bei den der Männern vorgebeugt werden. Bekommt die Frau in einer streng orthodoxen jüdischen Familie kein Kind, kann der Mann sich von ihr trennen (ohne dass auch nur in Betracht kommt, dass er die Ursache für Kinderlosigkeit sein kann).
    Bei den Mormonen gelten Frauen als die Nachfahren der „bösen“ Eva. Nur ein Mann kann ihr oberstes Kirchenhaupt werden und sie werden dazu angehalten, nicht an ihren Autoritäten zu zweifeln, denn alles was ihr Prophet (der jeweils ernannte oberste Leiter) sagt, kommt von Gott. Die Kleidung der Mormonen soll stets „ordentlich“ und zurückhaltend sein. Frauen dürfen in der Kirche keine Hosen tragen, generell keine tief ausgeschnittenen und enge Tops und körperbetonte Kleidung gilt als nicht sittsam. Sexualität vor der Ehe ist nicht erlaubt. Mormonische Männer glauben, dass sie in ihrem Leben nach dem Tod mehrere Frauen haben werden. Feministinnen gelten als Verführerinnen, die Frauen aus der göttlichen Rolle der Weiblichkeit auf der Weg der Fehler geführt haben.
    Die Frauen der Amish-People müssen Kleidung in gedeckten Farben und ohne Muster tragen, die Kleiderlänge ist vorgeschrieben und sie schneiden ihr Haar nicht, müssen es mit einer Kappe bedecken und dürfen keinen Schmuck tragen.
    Überreste von Bekleidungsvorschriften finden auch in der Sitte, dass In vielen katholischen Ländern Frauen aufgefordert werden, beim Kirchenbesuch ihr Haar zu bedecken, während Männer den Hut abnehmen.
    Kritik an der konservativen Auslegung der Rolle der Frauen wird häufig mit dem Verweis auf die Degradierung westlicher Frauen zu Sex-Objekten entgegnet – ein durchaus richtiges Argument, das jedoch die Tatsache übersieht, dass sich hier jede Frau frei entscheiden kann, ob sie sich diesem kulturellen Diktat unterwirft. Tut sie es nicht, können daraus Diskriminierungen erwachsen, aber keine Sanktionierungen wie im religiösen Kontext.
    Die Bekleidungsregelungen des Islam sind nur insofern festgelegt, als es im Koran heißt, die Frau solle ihre Scham bedecken. Es hängt von den jeweiligen kulturellen und politischen Bedingungen ab, wie diese von den Imamen ausgelegt wird. Eine Vollverschleierung finden wir heute in Ländern mit starkem salaafistischen Einfluss. Es ist keineswegs so, dass alle islamischen Frauen diese generell ablehnen, sondern man muss zur Kenntnis nehmen, dass es auch viele islamische Frauen gibt, die Salaafistinnen sind. Insofern sind Forderungen nach dem Burkaverbot absurd (ganz davon abgesehen, dass sie unseren grundgesetzlich garantierten Recht der freien Religionsausübung widersprechen.). In Ägypten waren es die Studentinnen, die gefordert haben, an den Universitäten wieder Schleier tragen zu dürfen, dort gibt sehr viele aktive Frauen in der Muslimbrüderschaft. Selbst wenn frau der Auffassung ist, sie sei ein Zeichen der Frauenunterdrückung, ist es immer noch Aufgabe der Betroffenen selbst dies zu bewerten und sich möglicherweise dagegen zu wenden.

  3. Absolute Zustimmung! So sehe und empfinde ich das auch.

    Einige Anmerkungen vielleicht noch:
    ” Es zeigt sich und ist auch jedem klar, dass nicht das Christentum die Ursache dafür ist, sondern dessen patriarchale Auslegung.”
    Das Christentum (ebenso wie das Judentum, der Islam, …) sind Manifestationen des Patriarchats, Mittel des Patriarchats sich selbst aufrecht zu erhalten. Die Lehre des Christentums ist von der Auslöschung/Unsichtbarmachung der Frau durchzogen, ebenso wie die anderen großen Religionen. (Das ist sehr gut in Mary Daly’s Ausführungen in “Gyn/Ökologie” beschrieben. Das Buch wurde mir hier auf dem Blog bei den “Störenfriedas der Woche” empfohlen. Großes Danke dafür! Was für eine Bereicherung! Ich lege es jedem ans Herz.) Die Bräuche und Mythen des Christentums sind so tief in unserer Gesellschaft verankert, dass selbst nach “Lockerung” und zunehmender “Verweltlichung” auch “Atheisten” und nichtgläubige Christen nicht frei davon sind. Demnach ist eine nicht-patriarchale Auslegung des Christentums nicht möglich bzw. würde diese Auslegung bedeuten, dass es als verlängerter Arm des Patriarchats keine Daseinsberechtigung hat. …das sind zumindest meine Gedanken dazu. (Anregungen jederzeit willkommen.)

    Generell gilt aber, dass nicht das Individuum patriarchal ist, sondern die Sozialstruktur, die dem Individuum ein Verhalten aufzwingt. Dabei macht es keinen Unterschied, ob die Sozialstruktur der Islam oder das Christentum oder Nationalismus/Rassismus oder oder … ist. Erst, wenn wir uns alle als Menschen begreifen, als solche solidarisieren, und das allem zugrundeliegende System, nämlich das Patriarchat, dem Gewalt systemimmanent ist, in seinen verschiedensten Erscheinungsformen erkennen und benennen, können wir etwas ändern, z.B. indem wir uns den Mechanismen verweigern. Das bedeutet konkret:

    Ich kann sehr wohl gegen den Rassismus (=Gewalt) von PEGIDA, AfD und Co. sein, gegen Terroranschläge (ob jetzt durch Islamisten oder Amokläufer verübt, =Gewalt), gegen Frauenunterdrückung durch Religionen (=Gewalt) und gegen sexistisch/rassistische Satire (z.B. u.a. in Zeichnungen, die Kinderpornographie als “humoriges Element” nutzen, =Gewalt) sein. Und das alles gleichzeitig! Weil ich in allen Beispielen Ausprägungen des Patriarchats erkenne. Dennoch werde ich niemals mit Gewalt (=patriarchal) gegen eine dieser Ausprägungen vorgehen, sondern indem ich mich mit den Opfern/Unterdrückten solidarisiere und ihnen zur Sichtbarmachung verhelfe. Zumindest sieht “mein Feminismus” so aus.

    In diesem Zusammenhang hätte ich noch eine Frage. In eurem Artikel zu Alice Schwarzer sprecht ihr davon, dass es Muslimas gibt, die freiwillig und selbstbestimmt das Kopftuch tragen. Dabei handelt es sich ja um die gleiche Argumentation, die die Pro-Prostitutionslobby auch benutzt. Mir liegt es fern, diesen Muslimas etwas vorzuschreiben. Dennoch erkenne ich darin das Stützen oder zumindest Reproduzieren patriarchaler Strukturen und damit der Unterdrückung der Frau. In meinem Kopf ist das ein Widerspruch, den ihr beim Thema Prostitution zurecht anprangert, aber hier nicht. Vielleicht könntet ihr dazu noch etwas sagen?

  4. Was ich noch kurz anmerken möchte: Ich finde es gut, dass ihr den Rassismus in dem Alice-Artikel angesprochen habt. Allerdings gefällt mir die Art und Weise nicht so gut, da es teilweise unsachlich und teilweise unlogisch ist und Alice vielleicht auch in einigen Punkten unrecht tut. Ich hätte mir einen konstruktiveren Beitrag gewünscht, der eine Auseinandersetzung ermöglicht und nicht noch mehr spaltet (siehe die Ausführungen in diesem Artikel hier zu “Divide et impera” und Susannas Kommentar unter dem Artikel: http://diestoerenfriedas.de/alice-fuck-ist-alice/#comment-1132).

  5. Beitrag von Mira Siegel: Was bitte sind “christlich geprägte Feministinnen”? – Kannst Du diesen Ausdruck bitte mal mit konkretem Inhalt füllen”

  6. “So sind verheirate Frauen im streng orthodoxen Judentum angehalten ihr Haar zu bedecken (häufig mit einer Perücke).”

    Viele orthodoxe Jüdinnen (nicht nur ultra-orthodoxe, sondern ebenso modern orthodoxe) tragen de facto Kopftücher, das sollte nicht unerwähnt bleiben.

    “Als angemessen gilt neben der Kopfbedeckung ein Rock, der mindestens die Knie, Ärmel, die mindestens die Ellenbogen verdecken.”

    Im orthodoxen Judentum gibt es auch Kleidungsvorschriften für Männer. Gerade chassidische Männer würden niemals in kurzen Hosen oder dergleichen herumlaufen.

    “Bekommt die Frau in einer streng orthodoxen jüdischen Familie kein Kind, kann der Mann sich von ihr trennen (ohne dass auch nur in Betracht kommt, dass er die Ursache für Kinderlosigkeit sein kann).”

    Das ist Unsinn. Die meisten orthodoxen jüdischen Gruppen erlauben künstliche Befruchtung und behaupten nicht, dass Kinderlosigkeit einzig und allein die “Schuld” der Frau sei.

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