Wir nehmen den Genossen die “Nutten” weg

Hannover, Rotlichtviertel am Steintor

By Kamillo Kluth from Hannover, D (tabledance) [CC BY 2.0], via Wikimedia Commons

In den vergangenen Monaten war eine erstaunliche Entwicklung zu beobachten. Die Linke, traditionell pro Frau und pro Gleichberechtigung, zumindest, wenn es darum geht, es sich auf die Fahnen zu schreiben, voller „Awareness-Strukturen“ und sonstigem Blödsinn, Anti-Sexismus und lauter Quoten, brach in einen wilden Streit darüber aus, ob Prostitution denn nun zu verbieten sei oder nicht und dieser Streit übertrug sich zugleich auch auf den Bereich der Pornografie.


Angezettelt wurde der Streit von einer Gruppe widerspenstiger Frauen auch in der Partei Die Linke, die zumindest verlangten, dass man das Thema Prostitution und das sogenannte „Nordische Model“, also die Freierbestrafung, wie sie in Schweden und Norwegen vorherrscht, parteiintern mal ordentlich diskutiert und zu einer Haltung findet. Auf dem Bundesparteitag kam die Partei jedoch zu der Entscheidung, man wolle lieber doch nicht diskutieren. Die parteiinterne Sprengkraft ist anscheinend zu groß – weil nämlich auch linke Männer Freier und Pornokonsumenten sind. Die Diskussion geht natürlich weiter. Es kam zu Bekenntnissen von Genossen, sich ihr Freiertum nicht wegnehmen lassen zu wollen und zu anderen Absonderlichkeiten, die einer Partei, die für Gleichberechtigung und Befreiung der Frau eintritt, nur spottet. Doch warum ist es so schwierig, innerhalb der Linken zu einer Position zur Prostitution zu finden, warum lassen sich Parteivorstände mit der ProProstitutionslobby auf einer Frauendemo fotografieren, warum werden auf allerlei Podien den sogenannten Sexworkern alle Räume eingeräumt, während die Kritiker nur noch „Hurenhasserinnen“ sind (genau, deshalb sind Hartz-IV-Gegner ja auch „Hartz-IV-Bezieher-Hasser”) und so weiter. Das Problem liegt daran, dass die Linke unfähig ist zu erkennen, dass die Sexindustrie eine 9 Milliarden Dollar Industrie ist, die über sehr ausgefeilte Lobbytechniken verfügt. Würde die Waffenlobby die Linke dermaßen einwickeln, wäre das Geschrei groß. Bei der Sexindustrie ist es das nicht, weil hier ständig und immer wieder mit Begriffen wie „Freiheit“ argumentiert wird. Nun, welcher Art ist denn diese „Freiheit“? Zwei Drittel der Frauen, die sich prostituieren, sind Ausländerinnen, die meisten aus ehemaligen Ostblockstaaten, die sich hier ohne jede Absicherung prostituieren. Sie haben keine Krankenversicherung, sie gehören auch nicht zur Lobby, die da in den Talkshows sitzt, sie machen es am Tag für 20 Euro pro Dienstleistung ohne Kondom, um die Zimmermieten von 140 Euro aufbringen zu können und lassen sich dabei noch von ihren Freiern filmen, die das Ganze dann noch auf Videoplattformen hochladen oder auf widerlichste Weise in Freierforen kommentieren. „Freiheit“ heißt hier im besten neoliberalen Sinne also Ausbeutung. Rafft die Linke aber nicht. Hören wir doch mal, was Friedrich Engels, Godfather Nummer zwei der Linken dazu zu sagen hatte:

Die Prostitution degradiert unter den Frauen nur die Unglücklichen, die ihr verfallen, und auch diese bei weitem nicht in dem Grad, wie gewöhnlich geglaubt wird. Dagegen erniedrigt sie den Charakter der gesamten Männerwelt.

Für Engels war sogar die Ehe Prostitution, solange sie unter den Vorzeichen von Patriarchat und Kapitalismus stattfand, weil sie unfreiwillig und unter den Aspekten wirtschaftlicher Interessen entstand.

Hier geht es also um ökonomische Ausbeutung. Das ist der eine Aspekt. Der nächste Aspekt ist der der Entfremdung. Die Frau, die da ihren Körper zu Markte trägt, arbeitet nicht in einem Betrieb, ist also ihrer Produktionsmittel entfremdet, sondern sie lebt in diesem Körper, den sie da verkauft. Und zwar für den Rest ihres Lebens. Frauen, die sich prostituieren, haben ein bis zu viermal höheres Risiko, vergewaltigt zu werden und das gleich mehrmals in ihrem Leben. Viele von ihnen haben bereits, bevor sie in die Prostitution gingen, sexuelle Gewalt erlebt. Prostitution bedeutet, dass die Idee, dass Sex nur unter Einverständnis beider Personen stattfinden kann – also freiwillig – ad absurdum geführt wird. Die Freiwilligkeit der Frau wird durch die Macht des Geldes, das der Mann bezahlt, einfach bei Seite geschoben. Sie wird also nicht mit Gewalt, sondern durch die Bezahlung vergewaltigt. Das ist die Form von „Freiwilligkeit“, die da hochgehalten wird.
Andrea Dworkin hat in sehr prägnanter Form festgehalten, warum linke Männer unfähig sind, Prostitution und Porno zu kritisieren, und zwar ebenso wie rechte, also konservative Männer:

Rechte und linke Männer fühlen sich der Prostitution als solcher aufs tiefste verpflichtet, egal wie sie theoretisch zur Ehe stehen. Die Linke sieht die Prostituierte als die freie, öffentlich sexuelle Frau, aufregend in ihrem Stolz, in ihrer schamlosen Verfügbarkeit. Die Rechte sieht in der Prostituierten die Macht der bösen, sexuellen Frau, und dass der Mann sie benutzt, ist sein schmutziges kleines Geheimnis. Die alte Porno-Industrie war eine konservative, rechte Industrie: geheimes Geld, geheimer Sex, geheime Promiskuität, geheimes Kaufen und Verkaufen von Frauen, geheimer Profit, geheimes Vergnügen nicht nur am Sex, sondern auch am Kaufen und Verkaufen von Frauen. Die neue Porno-Industrie ist eine linke Industrie, gefördert besonders von den Jungs der sechziger Jahre als einfaches Vergnügen, lustvoller Spaß, öffentlicher Sex, die Hure aus dem bürgerlichen Heim auf die Straße geholt, zum demokratischen Konsum für alle Männer. Ihre Freiheit, ihre freie Sexualität besteht darin, seine Hure zu sein – und sie mag es. Es ist sowohl ihr politischer als auch ihr sexueller Wille – es ist Befreiung. Das schmutzige kleine Geheimnis der linken Porno-Industrie ist nicht die Sexualität, sondern das Geld. [1]

Und genau das ist der Blödsinn, der uns nun aus den eigenen Reihen entgegenschallt, von Leuten, mit denen wir Nazi-Aufmärsche verhindert, gegen Atomtransporte demonstriert und bei Blockupy gestanden haben. Sie glauben noch immer daran, dass diese 9-Milliarden-Dollar-Industrie für die Freiheit derer eintritt, von deren Unfreiheit sie lebt und dass die heruntergekommene Roma-Prostituierte da am Straßenrand ein Symbol ihrer sexuellen Freiheit ist und dass eine Einschränkung beider Auswüchse ihre persönliche Sexualität betreffen würde.
Wann, liebe Genossen, hat je eine Industrie irgendjemanden befreit? Hat McDonalds für besseres Essen, für bessere Arbeitsplätze gesorgt? Hat CocaCola einheimische Trinkgewohnheiten gestärkt?

Wogegen wir anschreiben, was wir kritisieren, ist doch nicht die sexuelle Freiheit, es ist das Gegenteil davon, es ist die Tatsache, dass da draußen Frauen schutzlos für Geld der Gewalt der Freier ausgesetzt sind und dass dieses Geld in die Taschen der Bordellbesitzer und Zuhälter wandert, dass 400.000 Frauen in diesem Land der Prostitution nachgehen und keine Krankenversicherung oder Altersvorsorge haben, dass viele von ihnen es für minimale Preise machen und sich enormen Gesundheitsrisiken aussetzen, dass diese Branche vollkommen unkontrolliert ist und die Nachfrage aufgrund der Legalisierung so groß ist, dass sich ein europaweites Netz der Lieferung von Zwangsprostituierten mit Zielort Deutschland gebildet ist, dem die Polizei so gut wie machtlos gegenüber steht und dass es, ich habe es in diesem Zusammenhang schon einmal zitiert, kein richtiges Leben im falschen gibt. Man kann dieses System nicht korrigieren, indem man an ein paar Schrauben dreht. Es reisen ganze Busladungen von Franzosen nach Saarbrücken, die der Freierschwemme nicht mehr Herr werden, wir sind das Bordell Europas geworden und ausgetragen wird das alles auf dem Rücken von Frauenkörpern und dann wollt ihr mit uns über Gleichberechtigung sprechen? Wie, erklärt es uns, wie können wir gleichberechtigt sein, so lange eine einzige von uns eine Hure ist, eine Frau, die es gegen ihren Willen für Geld mit euch machen muss? Wie können wir auf Augenhöhe mit euch sprechen, so lange ihr euch Abend für Abend Pornos anseht, in denen Frauen ins Gesicht gepinkelt und Gegenstände in ihre Körperöffnungen eingeführt werden, während ihr die Tränen übers Gesicht laufen? Das ist ein System der Unmenschlichkeit und es ist die Aufgabe der Linken, dieses System zu benennen und es abzuschaffen, gegen alle Widerstände im Innen und im Außen, ansonsten hat sie den Namen Linke nicht mehr verdient. Ihr linken Männer, ihr Freier und Pornonutzer, ihr sexuell Befreiten: entwickelt mal Rückgrat und stellt euch gegen dieses System aus Unterdrückung und Ausbeutung, aus Kapitalismus in Reinform, steht auf und geht voran und zeigt, dass es diese Gesellschaft besser kann. Beim Fleischverzicht, der Gewaltlosigkeit und beim Kriegsprotest könnt ihr es doch auch. Und ihr linken Frauen, die es mit “Ich setze mich für Frauenthemen ein” auf irgendwelche Parteiposten geschafft haben, euch sei ein Zitat von Madeleine Albright mitgegeben: “Es gibt einen besonderen Platz in der Hölle für Frauen, die anderen Frauen nicht helfen.” Ihr glaubt, wenn ihr kooperiert, werdet ihr es zu etwas bringen, doch damit verratet ihr nicht nur eure, sondern unser aller Freiheit und ihr habt mit euren Ämtern eine Verantwortung.

Ja, liebe Genossen, wir nehmen euch die Nutten weg. Aber wir geben euch etwas dafür zurück. Die Hoffnung, in einer freien und gleichberechtigten Gesellschaft zu leben, in der Frauen genauso viel wert sind wie Männer, in der eure Töchter frei, sicher und selbstbewusst aufwachsen können und in der wir alle eine wahrhaft freie und selbstbestimmte Sexualität leben können, frei von kapitalistischen oder patriarchalen Zwängen.

[1] Dworkin, Andrea: Pornographie. Männer beherrschen Frauen, S. 249

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