“Wenn wir für jene am Rand der Gesellschaft eintreten, sind wir alle stärker” – ein Interview mit Jessica vom Women’s March Heidelberg

Mira Sigel führte ein Interview mit einer Organisatorin des Women’s March in Heidelberg.
Vielen herzlichen Dank an Jessica und ihr Team für ihr Engagement und für das Interview.

Mira: Hallo Jessica, du und eine Gruppe anderer Frauen habt den Women’s March in Heidelberg organisiert. Kannst du uns mehr über die Frauen erzählen, die hinter dem Women’s March Heidelberg stecken?

Jessica: Hi Mira, der Heidelberger Women’s March wurde von ein einer Kerngruppe aus 8 Frauen organisiert. Wir haben uns zusammengefunden, nachdem ich einem Post veröffentlicht hatte, in dem ich Leute dazu aufrief, einen Marsch in einem Pantsuit Forum auf Facebook zu organisieren. Wir sind alle amerikanische Statatsbürgerinnen (mit Ausnahme einer binationalen Deutsch-Amerikanerin). Zusammengeschlossen haben wir uns, weil wir merkten, dass es notwendig ist, die Angelegenheit selbst in die Hand zu nehmen, nachdem wir diverse Organisationen vergeblich kontaktiert hatten. Keine von uns hatte Erfahrung darin, einen Marsch oder ein vergleichbares Event dieser Größe zu organisieren. Wir engagieren uns alle in verschiedener Weise im sozialen Aktivismus, haben aber noch nie so etwas Großes gestaltet. Wir haben alle unterschiedliche berufliche Hintergründe – Akademikerinnen, Geschäftsfrauen, sind in Elternschaft, Unternehmerinnen, Juristinnen, Übersetzerinnen und Lehrerinnen. Es gibt keine Hierarchien in unserer Gruppe, keine Anführerin oder Vorsitzende – wir alle arbeiten als Gleichberechtigte zusammen, indem jede ihre Stärken einbringt. Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich ein Team (aller Geschlechter) in vollkommener Einheit erlebe. Es gibt keine Konkurrenz, keine Streits, keine emotionalen Verletzungen, sondern absoluten Respekt und Unterstützung untereinander. Ich bin so glücklich darüber, dass ich eine solch unglaubliche Gruppe gefunden habe, mit der ich zusammen arbeite.

Mira: Warum und wann habt ihr euch entschieden, den Women’s March zu organisieren? Was war der Grund für den Women’s March – für oder gegen was wolltet ihr protestieren? 

Jessica: Der Ursprungspost auf Pantsuit Nation war am 28. November und in der zweiten Dezemberwoche gründeten wir eine Planungsgruppe auf Facebook.  Wir beschlossen uns zusammen zu schließen, weil es sich so anfühlte, als hätte uns der bereits seit Jahren existierende Women’s March in Washington dazu aufgerufen – er ist eine Form des Widerstandes, der uns ermöglicht, mit zu definieren, wie wir uns fühlen, unsere Stimme zu nutzen und dafür einzutreten, was wir glauben – mit einer Handlung, die einen positiven Einfluss auf die Welt hat. In unserem Organisations-Team sind lauter starke Frauen, die sich für Gleichberechtigung, für LGTBQIA-Rechte, für Menschen mit Behinderungen und für religiöse und ethnische Minderheiten einsetzen. Wir glauben an Umweltschutz, Gerechtigkeit hinsichtlich Herkunft und Ökonomie und an sexuelle und reproduktive Rechte von Frauen. In unseren ersten Aufrufen kamen wir überein, dass wir eine positiveren Austausch schaffen möchten – wir erlebten so viel negative Energie durch die Wahl, und der steigende Populismus und das Wiederaufflammen von Xenophobie zwangen uns, aufzustehen und unsere Stimme zu erheben, um diese Menschen wissen zu lassen, dass wir glauben, wenn wir für sie und jene am Rande der Gesellschaft eintreten, sind wir alle stärker.

Mira: Wie viele Menschen haben in Heidelberg teilgenommen – und kannst du uns in etwa sagen, welche Gruppen teilgenommen haben – Deutsche, Amerikanerinnen, Frauen, Ältere, Jüngere?

Jessica: Ursprünglich waren 50 Leute genehmigt, und als wir sahen, dass sich die Zahlen der Anmeldungen verdoppelte und verdreifachte, haben wir eng mit dem Ordnungsamt zusammen gearbeitet, um sicherzustellen, dass wir die ordnungsmäßigen Genehmigungen sowie Security haben. Wir waren unglaublich überrascht und dankbar für die Unterstützung aus unserem Umfeld – die Schätzungen der Menge hatten sich zwischen 800-1000 DemonstrantInnen bewegt. Unser Polizei-Vertreter schätzte grob 800 – wir möchten den Moment nutzen, um der Heidelberger Polizei für ihre unglaubliche Unterstützung während des Marsches zu danken. Wir hatten eine gute Repräsentanz von Intersektionalität – wir hatten Demonstrierende aus Deutschland, Amerika, Großbritannien, Irland, Singapur und vielen anderen Ländern. Das Alter rangierte zwischen 3 Monate und 88 Jahre alt, soweit ich weiß. Es waren ebenso viele Familien wie Singles da. Sie kamen aus Städten wie Stuttgart, Kaiserslautern, Karlsruhe und Mannheim.

Mira: Würdest du den Women’s March als feministische Veranstaltung bezeichnen? Falls ja  – warum? Falls nein – warum?

Jessica: Der Women’s March war definitiv ein feministische Veranstaltung. Die weltweite Organisation wie auch unser lokales Planungs-Team haben ihr Bestes gegeben, um alle Frauen zu repräsentieren und eine klare Botschaft in die Welt zu schicken: Frauenrechte sind Menschenrechte. Selbstverständlich gibt es immer noch Möglichkeiten, es zu verbessern, zum Beispiel in dem wir unsere Mission und Plattform inklusiver gestalten. Und als Feministinnen ist es unsere Aufgabe sicherzustellen, dass wir einen sicheren Ort und eine willkommene Atmosphäre für alle Frauen schaffen. Innerhalb der Women’s March-Bewegung gab unglaublich gutes und motivierendes Feedback und wir in Heidelberg hörten konstruktiver Kritik zu und nutzen diese aktuell, um uns weiterzuentwickeln.

Mira: Warum sind Frauenangelegenheiten immer noch ein zu debattierendes Thema – 100 Jahre nach den Frauenwahlrecht?

Jessica: Ich persönlich denke, dass die Gesellschaft bei Frauenthemen eher langsam ist, weil Frauen nicht als gleichwertig mit Männern gesehen werden. Das zeigt sich daran, dass Frauen absichtlich Hindernisse in ihren Weg gelegt bekommen wie die Lohnlücke, den Abbau reproduktiver Rechte von Frauen und fehlender Unterstützung während des Mutterseins. Es zeigt sich auch in irgendwie subtilen gesellschaftlichen Regeln, denen Frauen und Mädchen jeden Tag begegnen, angefangen bei LehrerInnen, die die denken, dass Jungs besser in Mathematik sind bis zu den vielen Büchern, die implizieren, dass Mädchen schwach sind. Man muss nur einmal durch einen Mainstream-Spielzeugladen gehen um zu sehen, dass Mädchenspielzeug sich um Kümmern und Rollenspiele (Puppen, Spielzeug-Küchen und Prinzessinnen, die gerettet werden müssen) dreht und bei Jungenspielzeug um mathematische Konzepte und Abenteuer (Bauklötze, Sportzubehör und elektronische Spiele). Das ist eine traurige Botschaft und eine, mit der ich jeden Tag meiner Mutterschaft schwer zu kämpfen habe. Leider glaube ich, dass das ein Teufelskreis ist – Mädchen sehen, dass Prinzessinnen gerettet werden müssen, ihnen wird gesagt, sie seien nicht gut in Mathematik oder Wissenschaften und wenn sie älter werden, nennt man sie herrisch, wenn sie Führungsqualitäten zeigen und ihnen begegnen extreme Widerstände, wenn sie Führungskräfte oder politische Leitfiguren werden möchten. Wenn es nicht genügend Frauen gibt, zu denen Mädchen aufschauen können oder sie sehen, dass Frauen in Machtpositionen eher Fragen zu ihrem Kleidungsstil anstatt zu ihren Zielen gestellt bekommen, sind sie nicht in der Lage, sich selbst in dieser Rolle zu sehen.

Mira: Als US-Bürgerin – wie erlebtest du die erste Woche mit Präsident Trump? Wie fühlen sich deine FreundInnen, deine Familie? Verändern sich die Vereinigten Staaten als Land oder Gesellschaft bereits so, wie so viele es in diesen Tagen befürchten?

Jessica: Ich kann das nur persönlich beantworten – das sind meine eigenen Ansichten, nicht die des Organisationsteam des Women’s March. Ich empfand die Stimmung vieler meiner FreundInnen irgendwie enttäuschend. Es kann gut sein, dass das daran liegt, dass ich internationale Nachrichten lese, auf die sie keinen so einfachen Zugriff haben, aber viele meiner FreundInnen und meiner Familie wirkten fast stumm oder apathisch angesichts dessen, was unter Trumps Verwaltung passiert. Ich komme aus Texas, viele meiner FreundInnen und meiner Familie stimmten für Trump, weil schon sie schon ihr Leben lang RepublikanerInnen sind. Ein enges Familienmitglied sagte: „Ich habe nicht FÜR Trump gewählt, ich habe für ein geradliniges republikanisches Mandat gestimmt.“ Und ich denke, so fühlen viele von ihnen, sie haben ihre Partei unterstützt, nicht den eigentlichen Kandidaten. Ich denke, es ist schwierig für sie, weil sie denken, dass manches von ihm, was er tut, gut ist, aber sich unwohl dabei fühlen anzusprechen, was sie falsch finden, weil sie nicht den Anschein erwecken möchten, dass sie es bereuen, ihn gewählt zu haben.

Ich glaube nicht, dass das Land und die Leute sich sofort verändern. Ich denke, wir hatten acht Jahre, in der DemokratInnen und Liberale (gut 50% der Leute) Obamas Regierung genossen haben, während viele Konservative und RepublikanerInnen es gehasst haben, was passierte. Ich denke, die Macht ging einfach auf die Partei über, die vorher weniger Glück hatte, und sie haben das Gefühl, nun endlich ihrer Stimme Gehör verschaffen zu können und auf ihre Ansichten stolz sein dürfen, auch wenn viele sie scheußlich finden. Ich glaube, das größte Problem ist die Rhetorik und die Propaganda, die auf beiden Seiten benutzt wird, um das Land noch mehr zu spalten. Es wird einfacher und einfacher, Menschen zu finden, die sich selbst als rechts-außen oder links-außen verstehen, und Extremismus ist in jeder Gruppe ein Problem.

Mira: Habt ihr diesen Riesen-Erfolg des weltweiten Women’s March erwartet? Was denkt ihr war der Grund für diesen weltweiten Erfolg?

Jessica: Ich habe nicht damit gerechnet, wie erfolgreich der Woman’s March werden würde. Über 4,5 Millionen Menschen aus aller Welt gingen auf die Straße, um zu demonstrieren. Ich glaube nicht, dass das auch nur irgendwer erwartet hat. Ich denke, der Marsch war deshalb so erfolgreich (ungeachtet dessen, was die meisten Medien berichteten), weil er sich wirklich darauf fokussierte, ein Für-Marsch und kein Gegen-Marsch zu sein. Es waren so viele Menschen da, die sich isoliert und angegriffen fühlten durch die Präsidentschafts-Wahlergebnisse. Es wurde ein Gemeinschaftsgefühl geschaffen und gab Menschen ein Ventil für ihre Gefühle und eine Möglichkeit, ihre Stimme zu nutzen.

Mira: Was sagt ihr zu der Kritik die von linken und konservativen Parteien kommt, dass der Marsch von George Soros organisiert wurde?

Jessica: Diese Behauptungen sind nur das – Gerüchte. Auf diesen Punkt einzugehen, würde nur das Feuer entfachen und ich finde es nicht notwendig, eine andere Wahrheit zu diskutieren, die von Leuten kommt, die dem Woman’s March seinen Erfolg nehmen möchten.

Mira: Habt ihr eine Botschaft für unsere feministischen Leserinnen, die, wie bei Trump-Wahl, Angst davor haben, dass rechte und populistische Parteien die deutsche Wahl diesen Herbst gewinnen?

Jessica: Es kann passieren. Und es wird passieren, es sei denn, ihr geht raus und werdet aktiv. Das Mindeste, was ihr tun könnt, ist zu WÄHLEN. Benutzt eure Stimme, widmet eure Fähigkeiten und Talente Parteien oder Organisationen, an die ihr glaubt! Redet mit Leuten über Politik. Hört zu! Helft anderen steht für andere ein, die das nicht selbst können! Widersprecht Rüpeln!

Mira: Würdest du sagen, dass durch den Women’s March Frauen auf der ganzen Welt enger aneinander gerückt sind?  

Jessica: Ich denke wirklich, er hat Frauen auf der ganzen Welt zusammengebracht. Das ist die einhellige Meinung, die ich immer und immer wieder von unseren Demonstrierenden in Heidelberg höre – sie fühlten sich eng mit allen verbunden und sie spürten die Verbindung und die Energie der Demonstrierenden auf der ganzen Welt. Um Frauen aus aller Welt zusammen zu bringen, müssen wir auf internationale Angelegenheiten achten, Unterstützung zeigen und viel öfter unsere Stimmen erheben für viele vergessene Frauen. Frauenrechte sind Menschenrechte, wir müssen auf der ganzen Welt für sie kämpfen.

Mira: Was passiert als nächstes? Sind weitere Märsche geplant? Wie wird die Bewegung weitermachen?

Jessica: Gerade warten wir noch auf Rückmeldung, wie die globale Organisation weitermachen möchte. Als Heidelberger-Team definieren wir gerade unsere Mission und Ziele und wie wir weitermachen möchten. Wir wissen, dass wir weiter politisch und sozial aktiv sein werden, wir müssen nur noch genau festlegen, wie und in welcher Weise wir am erfolgreichsten sein können. Es braucht Zeit, um das klar zu bekommen und weil es schwierig ist, zu warten, möchten wir, dass unsere UnterstützerInnen wissen, dass wir auf jeden Fall weitermachen möchten und nur nach dem besten Weg suchen, das zu tun. Nächste Woche werden wir unsere Ziele bekanntgeben. Es gibt auf jeden Fall Pläne für weitere Demonstrationen – um auf dem neuesten Stand zu bleiben, mit uns und hinsichtlich dessen, was wir in der Rhein-Neckar- und Rhein-Land-Pfalz-Region tun, könnt ihr uns auf Facebook oder Twitter folgen.

Mira: Jessica, wir danken dir für das Gespräch und wünschen dir und den anderen Frauen aus Heidelberg ganz viel Erfolg. Vielleicht treffen wir uns bald auf einem der nächsten Women’s Marches.

1 Kommentare

  1. „Wenn wir für jene am Rand der Gesellschaft eintreten, sind wir alle stärker“

    Nein, sind wir nicht. Wir (wer soll das genau sein?) zerfasern uns schon seit Jahren in internen Kämpfen um Partikularinteressen.

    “Intersektionalität” hat den Feminismus kampfunfähig gemacht. Ihne seiner Ziele braubt. Teile und herrsche.

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