Zwangsbehandlungen sind Folter – in Deutschland aber legal

Bergonic Chair

By Otis Historical Archives National Museum of Health and Medicine (originally posted to Flickr as Reeve041476) [CC BY 2.0], via Wikimedia Commons

Die Geschichte der Psychiatrie ist lang und über viele Strecken unschön. Früher wurden geistig Kranke von ihren Familienangehörigen gepflegt, dabei mangels Zeit und Ressourcen einfach angebunden und sich selbst überlassen. Irgendwann wurden dann die ersten Irrenhäuser errichtet, häufig unter kirchlicher Leitung, denn wer wäre besser geeigneit sich ihrer verirrten Seelen anzunehmen, denn Gott? Dort fanden dann sehr unschöne Dinge von tagelangen Dauerbädern über jahrelanges Tragen von Zwangsjacken, dem Einsperren in Käfigen und was sich der Mensch noch so alles ausdenkt, wenn ihm ein anderer auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist. Auf eins jedoch können wir uns verlassen: Gebetet zum lieben Herrgott wurde in diesen Anstalten des Grauens regelmäßig. Als dann die Nazis kamen, gab es keinen Platz mehr für dieses “unwerte” Leben, für “stumpfsinnige” Vierjährige, die nie ein liebes Wort oder ein Spielzeug kennengelernt hatten, und deshalb brachte man sie in den Gaskammern um, anderer zwangssterilisierte man.


Doch auch nach dem 3. Reich wurde es für die Menschen mit psychischen Krankheiten, oder nennen wir es mal: anderer Wahrnehmung der Welt nicht viel besser. Zwar brauchte man nun keine Zwangsjacken und gepolsterten Zellen mehr für sie, denn man hatte etwas viel besseres gefunden, erfolgreich getestet an ehemaligen KZ-Häftligen: Es gab Psychopharmaka, so wirksam, dass ein erwachsenener Mensch nur noch sabbernd vor sich hin existierend konnte, ohne sich auch nur seines eigenen Namens zu erinnerns. Auch Elektroschocks kamen groß in Mode, um das Gehirn sozusagen wieder in Gang zu bekommen, in Wirklichkeit waren sie eine Foltermethode. Psychiatrien blieben kalte, menschenfeindliche Institutionen, in denen nicht wenige ihr ganzes Leben verbrachten.

In den 60er und 70er Jahren änderte sich das, wie so vieles. Die Antipsychiatrie-Bewegung entstand, man wollte nicht länger hinnehmen, dass diese Kranken nur darum saßen und vor sich hinvegetierten, dass sie aufgrund der unmenschlichen Dosen an Psychopharmaka kein leben mehr hatten und eigentlich schon Tod waren. Einige mögen sich an jenen Film erinnern “Zeit des Erwachens”, dessen Titel das Ganze gut trifft. Die Antipsychiatrie-Bewegung  erreichte einiges. Es gab auf einmal Ergotherapie, Tanztherapie und Beschäftigungstherapie. Ein Erwachen. Junge Ärzte wollten den Ursachen für die Erkrankungen auf den Grund finden, Ursachen finden, Therapien. Dennoch blieben die Psychiatrien Zwangseinrichtungen. Wer seine Medikamente nicht nimmt, der bekommt sie mit Gewalt. Frauen, die dauerhaft dort untergebracht werden, wird die 3-Monats-Spritze verabreicht, während jede Art von sexuellem Kontakt unter den Patienten verboten ist. Wer nicht freiwillig dorthin kommt, wird mit einem gerichtlichen Beschluss mit der Polizei dorthin gebracht, dieser Beschluss kann verlängert werden und es kann gegen den Willen des Patienten ein Betreuer eingesetzt werden, der ab sofort alle Entscheidungen in seinem Leben für ihn trifft, eingeschlossen die finanziellen. Hängt alles von der Diagnose ab, die über ihn verhängt wird. Nun haben es gerade psychiatrische Diagnosen an sich, dass sie bestimmten Trends unterliegen, was man vor 20 Jahren noch begeistert diagnostizierte, ist heute schon längst wieder out, während anderes der große Renner ist. Die PTBS, die posttraumatische Belastunggstörung ist zum Beispiel gerade das ganz große Ding, obwohl diese Sie noch nicht zwangsläufig in die Psychatrie bringt. Ein bisschen schizoaffektive Störung und schon sieht das Ganze nicht mehr so rosig aus.

Es ist, aufgrund von Personalmangel und auch aufgrund von Gewohntheit, auf psychiatrischen Stationen, durchaus üblich, Patienten gegen ihren Willen Medikamente zu verpassen, und gerade am Wochenende, wenn die Schicht dünn besetzt ist, zu fixieren. Wer nicht weiß, was das ist: Arme, Beine und Rumpf werden zur völligen Bewungslosigkeit ans Bett gebunden. Man ist unfähig, sich selbst zu bewegen. Eine solche Fixierung kann über mehrere Tage andauern, normalerweise muss dann immer eine Person mit dem Patienten im Zimmer sein, um ihn zu überwachen. Wie die Praxis aussieht, bleibt Ihrer Phantasie überlassen.

Gegen diese Art der Behandlung und den Umgang mit den Patienten hat sich schon vor vielen Jahren der Bundesverband der Psychiatrieerfahrenen gegründet, die für Maßnahmen dieser Art den Begriff “Zwangspsychiatrie” prägen. In das öffentliche Bewusstsein rückte der Begriff vor allem im Zusammenhang mit Gustle Mollath, der mehrere Jahre schuldlos in einer Psychiatrie verbringen musste. Wird die Unterbringung in einer Psychiatrie aufgrund fadenscheiniger Gutachten durch ein Gericht angeordnet, so wird man zur recht- und hilflosen Person, die in den Mühlen der psychiatrischen Institution untergeht.
Doch unsere Politiker sind ja nun nicht faul. Offiziell erlaubt waren die ganzen Zwangsbehandlungen nämlich nicht. Bis zum Frühjahr 2013. Da wurde auf Antreiben der FDP (ja, genau, wer?) eine Rechtsgrundlage für Pfleger und Behandelnde in der Psychiatrie geschaffen.
Dumm nur, dass die UN das anders sieht. Deren Human Rights Council hatte nämlich zum gleichen Zeitpunkt sämtliche Zwangsmaßnahmen wie Zwangsmedikamentierung, Fixierung und auch Elektroschocks als Folter definiert. Und die ist, wie wir alle wissen, verboten.

Am vergangenen Wochenende kam es daher zu einem hochinteressanten Treffen in Berlin. Nicht nur Psychiatrieerfahrene, auch Professoren, Rechtsanwälte und ein ehemaliger Richter des BGH trafen sich in Berlin und gründeten ein “Bündnis gegen Folter in der Psychiatrie”. An dem Treffen nahm auch Juan E. Mendez teil, der Sonderberichterstatter der UN für Folter.
Die Freude des Bundes der Psychiatrieerfahrenen über diesen Erfolg wurde überschattet, denn die Tagung wurde von Professor Wolfgang Main eröffnet, einem Vertreter der Erbgenetik, der Positionen der Rassenhygiene von den Nazis umettikiert und in aktuelle Theorien übernommen haben sollen. Die Vergangenheit, so scheint es, wirft lange Schatten.